Wozu braucht der Mensch Religion? Richard David Precht im Gespräch mit Seyran Ateş, Anwältin und Imamin

Wozu braucht der Mensch Religion?

Richard David Precht im Gespräch mit Seyran Ateş

Seyran Ateş, Anwältin und Imamin
Seyran Ateş, Anwältin und Imamin

Wie unterschiedlich glauben Menschen aus dem islamischen Kulturkreis und dem der christlichen Welt? Wie sehr bestimmt Religion noch unser Leben?

Wie unsere Gesellschaft mit dem Glauben umgeht, welchen Einfluss Christentum und Islam auf unsere Gesellschaft haben, darüber spricht Richard David Precht mit der Anwältin, Frauenrechtlerin und Imamin Seyran Ateş.
Gibt es einen Mittelweg?
Spätestens seit Seyran Ateş in Berlin eine liberale Moschee eröffnete, in der Frauen und Männer, Sunniten, Schiiten und Moslems aller anderen islamischen Glaubensrichtungen friedlich nebeneinander beten, erhält sie Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Ganz offensichtlich wehrt sich die konservative Mehrheit der Moslems gegen jeden Versuch, einen liberaleren Islam zu etablieren. Kleidungs- und Ernährungsvorschriften, ungleiche Behandlung von Mann und Frau und eine Rechtsschule, die nicht selten über weltliche Rechtssysteme gestellt wird, lassen den Islam immer wieder mit modernen Gesellschaftsformen kollidieren.

Aber muss sich eine Religion, um nicht einen Großteil ihrer Anhänger und ihrer Bedeutung zu verlieren, nicht eher durch kompromisslose Orthodoxie konservieren, fragt Richard David Precht. Oder rette am Ende nur die weltoffene, zeitgemäße Interpretation einer Religion die Spiritualität einer Gesellschaft? Gäbe es gar einen Mittelweg fragt Precht.
Zeitgemäße Interpretation oder wörtliche Auslegung der Regeln?
Christentum, Judentum oder Islam – alle Religionen mit schriftlichen Überlieferungen haben das gleiche Problem: Darf man Schriften wie Bibel und Koran zeitgemäß interpretieren oder sind sie wortwörtlich zu nehmen? Precht und Ateş fragen sich, ob sie eins zu eins oder als gleichnishafte Anleitung zu verstehen sind.

Seit dem 19. Jahrhundert schwindet die Bedeutung der Religion in den westlichen Gesellschaften mehr und mehr. Und selbst die meisten Menschen, die sich als Christen bezeichnen, glauben nicht, dass die Bibel eine wortwörtlich zu verstehende Wahrheit enthält. Dazu akzeptieren sie, dass nicht die Religion, sondern die Menschenrechte, die demokratische Verfassung und der Rechtsstaat die Spielregeln des Zusammenlebens festlegen. Für viele Menschen, die aus dem islamischen Kulturkreis nach Deutschland gekommen sind, ist das nicht ganz so selbstverständlich. Richard David Precht stellt sich die Frage: Wie müssen gläubige Menschen im aufgeklärten 21. Jahrhundert mit all diesen Aspekten umgehen? Und bis zu welchem Punkt muss man religiöse Traditionen und Handlungen respektieren? Muss es, kann es eine ethische Übereinkunft geben, die über religiösen Gesetzen und Regeln steht?

Wozu braucht der Mensch Religion? Richard David Precht im Gespräch mit Seyran Ateş, Anwältin und Imamin
Wozu braucht der Mensch Religion? – Richard David Precht im Gespräch mit Seyran Ateş

Biographie Seyran Ates

Seyran Ateş wurde 1963 in Istanbul geboren und wuchs ab ihrem sechsten Lebensjahr mit ihren Eltern in Berlin Wedding auf. Mit 17 Jahren verließ sie heimlich ihr Elternhaus, weil sie die Spannung zwischen repressiver Erziehung und schulischer Freiheit nicht mehr akzeptieren wollte.

Seyran Ates
Seyran Ates

Während ihres Jurastudiums an der FUB arbeitete Ateş in einem Beratungszentrum für türkische und kurdische Migrantinnen. Dort erschoss ein Attentäter 1984 ihre Klientin. Auch Ateş wurde lebensgefährlich verletzt und hatte nach eigener Aussage ein Nahtoderlebnis. Ihre vollständige Genesung nahm 6 Jahre in Anspruch.

Nach abgeschlossenem Jurastudium engagierte sich Ateş zunehmend in der Integrationsdebatte in Deutschland und nahm an der Islamkonferenz teil. 2007 veröffentlichte sie dazu ihr Buch „Der Multikulti-Irrtum“. Sie provozierte vor allem mit ihrer These, dass das Konzept der Multikulti-Gesellschaft gescheitert sei, weil man das offensichtliche Unrecht in Gestalt von Kopftuchzwang, Zwangsheirat oder Ehrenmord geduldet bzw. nicht ausreichend verfolgt habe. Multikulti trage die Schuld an dem Problem heutiger Parallelgesellschaften.

Wegen fortgesetzter Morddrohungen und tätlicher Angriffe in der Öffentlichkeit (2006,2009) ließ Seyran Ateş ihre Arbeit als Anwältin ruhen. 2012 legte sie ihre türkische Staatsbürgerschaft ab und nahm ihre Arbeit als Anwältin wieder auf – vor allem für hilfesuchende Frauen.

2016 geriet sie wieder in den öffentlichen Blickpunkt, weil sie sich als Imamin ausbilden liess und am 16.06.2017 zusammen mit weiteren Mitstreitern die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin eröffnete. Die Hintergründe dazu schildert sie in dem Buch „Selam, Frau Imamin – Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete“ (2017).

Seyran Ateş erhielt 2007 das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2008 den Verdienstorden des Landes Berlin und 2014 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Literaturtipps von Richard David Precht

Selam, Frau Imamin

Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete
Seyran Ates – Ullstein 2017

Die gelernte Juristin erläutert in diesem Buch ihre Beweggründe, in Berlin eine liberale Moschee zu eröffnen, in der Schiiten, Sunniten, Sufi, Alewiten und auch Anhänger nicht-islamischer Religionen willkommen sind. In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee soll ein gewaltfreier, toleranter und gleichberechtigter Islam gelebt werden. Ateş lässt Frauen und Männer im gleichen Raum beten und fungiert mit anderen als Vorbeterin, als Imamin. Damit stellt sie sich einer islamisch-orthodoxen Männerwelt entgegen, erhält täglich Morddrohungen und steht unter Personenschutz.

Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion

Florian Schuller (Herausgeber, Vorwort), Jürgen Habermas (Autor), Joseph Ratzinger (Autor) – Herder 2011

Sozusagen auf „höchster Ebene“ behandeln in diesem schmalen Band der damalige Kurienkardinal Ratzinger und spätere Papst Benedikt sowie der bedeutendste Gegenwartsphilosoph Jürgen Habermas das Spannungsverhältnis zwischen moderner Gesellschaft und Religion. Kann Modernisierung entgleisen? Und kann Religion der Vernunft Grenzen setzen? Oder umgekehrt?

Bemerkenswert aktuell attestiert Habermas: „Eine entgleisende Modernisierung der Gesellschaft im Ganzen könnte sehr wohl das demokratische Band mürbe machen und die Art von Solidarität aufzehren, auf die der Staat, ohne sie erzwingen zu können, angewiesen ist. Dann würde genau jene Konstellation eintreten […]: die Verwandlung der Bürger wohlhabender und friedlicher liberaler Gesellschaften in vereinzelte, selbstinteressiert handelnde Monaden, die ihre subjektiven Rechte nur noch wie Waffen gegeneinander richten.“

Wozu Religion?

Sinnfindung in Zeiten der Gier nach Macht und Geld
Eugen Drewermann, Jürgen Hoeren – Herder 2017

Eugen Drewermann gilt als einer der eigenwilligsten und unabhängigsten christlichen Denker unserer Zeit. In seinem dieses Jahr neu aufgelegten und erweiterten Band wird er zum Sinn und der Notwendigkeit von Religion befragt. Dabei bewegt sich Drewermann durch alle naturwissenschaftlichen Disziplinen, um Religion auf eine universelle und zeitgemäße Art neu zu verorten. Religion ist notwendig, so Drewermann, weil sie als Einziges der Gleichgültigkeit des Kosmos und auch der Gesellschaft gegenüber tritt und dem Menschen einen Wert an sich gibt.

Reform des Islam. 40 Thesen

Abdel-Hakim Ourghi – Claudius-Verlag 2017

Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi fordert eine grundlegende Reform des Islam. Mit seinen 40 klar formulierten Thesen, die er in Anlehnung an Luther formuliert hat, liefert er einen ebenso konkreten wie provozierenden Beitrag zur Diskussion über die Zukunft des Islam – besonders hier im Westen. Er glaubt, die Reform des Islam sei schon im Koran selbst angelegt. Wer den Koran respektiere, dürfe ihn nicht wörtlich nehmen. Ourghi plädiert für die Befreiung des Islam – vor allem in Europa – von seiner politisch-ideologischen Vereinnahmung durch vornehmlich türkische und arabische Vereine und ihre „importierten Imame“.

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