protestantische Ethik

Lange Zeit war die Wirtschaft (Landwirtschaft und Bergbau) der vorkapitalistischen Zeit eine ziemlich armselige, aber sehr stabile Angelegenheit. Eine Minderheit (der Adel) nutzte die große Mehrheit (Bauern) schamlos aus und der Klerus war beim Ausbeuten der Landbevölkerung natürlich umfassend dabei.

Die protestantische Ethik des Max Weber gab ein idealisiertes Bild der Großbourgeoise, das man als Lebensmodell gerne den Kleinbürgern und später, auch von Seiten ihrer eigenen Parteien, den Proletariern aufgedrängt hat: bescheiden sein, nicht rauchen, nicht trinken, kein Luxus, bei den Ausgaben knausrig sein, Sport betreiben, brav wählen und bürgerliche Bildung nachbuchstabieren. Werner Sombart, der nahezu vergessene Historiker des Kapitalismus, hat hier ein ganz anderes und plausibleres Bild nachgezeichnet.

Max Webers Protestantische Bescheidenheitsethik ist eine von ihm eher falsch verstandene Erscheinungsform des Wohlstands der Großbourgeoisie gewesen. Natürlich hatten die Großbürger im Europa des 19. Jahrhunderts ihre herrschaftlichen Villen, genug Bedienstete, luxuriöse Ausstattung der Wohnung und auch,was Essen und Trinken anlangt, ging ihnen wohl nichts ab. Beim demonstrativen Konsum als Selbstzweck und Demütigungsform der anderen, also bei den früheren adeligen und großbürgerlichen Ausschweifungen und öffentlichen Exzessen, gab es hingegen Zurückhaltung, das war ein Feld des Understatements. Sexuelle Lust und Manierismen, Exzesse und Konkubinen wurden nicht mehr offen präsentiert, sondern eher abgeschirmt gepflegt.

Nur der Vollständigkeit halber erwähnt: Natürlich gab und gibt es immer wieder Typen – die persönliche triebstrukturelle Ökonomie hat da eine gewisse Bandbreite -, welche die eigenen Energien nicht in Ausschweifungen entspannen, sondern ihre Aggression und den Lustgewinn in finanziellen Erfolg oder politische Macht sublimieren, da trifft dann Webers protestantische Ethik tatsächlich ins Schwarze. Die Sparsamkeitsethik, der Geiz – an sich eine abweichende und neurotische Lebensweise – wird dabei zu einer Klassennorm festgeschraubt.

Aber – keine Sorge. Die Mehrheit der heutigen VerbraucherInnen denkt gar nicht daran, am gelegentlichen Luxus und der allgemeinen Verschwendung zu sparen. Werbung funktioniert nach wie vor prächtig und die Politik rührt auch keinen Finger um die Lebensdauer von Gütern zu verlängern oder gar eine authentische ökologische Spargesinnung, also Suffizienz (= Einsparen) zu propagieren und zu fördern. Naja, ein bisschen unverbindlicher Appell zu mehr Umweltfreundlichkeit darf schon sein, denn das macht sich immer gut.

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