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Religionsverständnis deutscher Muslime

Sschroeter-buchcover. Schröter: „Gott näher als der eigenen Halsschlagader
Fromme Muslime in Deutschland.
Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2016, 402 Seiten, 34,99€

Die Ethnologin Susanne Schröter hat über 100 deutsche Muslime nach ihrem Religionsverständnis befragt.

foto-prof.-dr.-susanne-schroeter
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Sie hat Moscheen in Wiesbaden besucht und dort mit den Gläubigen Gespräche geführt. Ihr Buch versucht Einblicke in das Milieu sich selbst als »fromm« definierender Muslime zu gewinnen.  Sie hat eher mit unauffälligen, durchschnittlichen, sich selbst aber ausdrücklich als religiös definierenden Muslimen und Musliminnen gesprochen.
Das Ergebnis ihrer Befragungen ist mehr als zwiespältig, geht es doch vor allem immer um die Geschlechtertrennung und ihre alltagspraktischen Konsequenzen: von der »korrekten« islamischen Kleidung bis zum Umgang der Ehepartner miteinander.  Nahezu manisch zentrieren sich die

Diskussionen immer wieder um die Bedeutung des Kopftuchs, das nicht zuletzt wichtig ist, um in vielen Moscheegemeinden und im religiösen Milieu überhaupt akzeptiert zu werden, wie die interviewten Frauen deutlich machen.  Daneben sind die Frauen beharrlich bemüht, ihrer Gesprächspartnerin zu erklären, warum der Islam für Frauen positiv.

Kopftuch im Schwimmbad

Kopftuch im Schwimmbad

Es wird deutlich, dass die Hinwendung zur einer intensiven Religiosität von vielen Frauen als eigene Entscheidung angesehen wird. Nicht selten sind die Frauen erst im mittleren Alter religiöser geworden, oft nach der Geburt der Kinder. Mitunter kann diese neue Religiosität auch im direkten Widerspruch zu den Wünschen der Ehemänner stehen, gerade wenn es um das Tragen von Kopftüchern geht. Ebenso werden Praktiken wie die Vetternehe und arrangierte Heiraten von den Frauen verteidigt.
Dabei offenbart sich eine Welt voller Widersprüche, vor allem wenn es um jüngere Frauen mit höherem Bildungsabschluss geht.

Insgesamt konstatieren sowohl Schröter wie ihre Gesprächspartner eine wachsende Religiosität der jüngeren Generation von Muslimen. Mitunter sind es die Töchter, die beginnen, für die Einhaltung religiöser Regeln in der Familie zu ­sorgen.

Schröters Buch führt dem/r LeserIn ein grundsätzliches Dilemma aller Integrationsbemühungen vor Augen, das einen großen Teil intensiv gläubiger Muslime betrifft: Dem Leben in ­einer mehr oder minder bewusst säkularen westlichen Gesellschaft mit dem Ideal der Geschlechtergleichheit steht eine Auffassung des Islam entgegen, die die Geschlechter deutlich voneinander abgegrenzt wissen will. Solange für größere Gruppen von Muslimen Vorstellungen von Geschlechtertrennung als unhinterfragbarer Bezugspunkt dienen, wird es mit der Rolle des Islam – wobei hier ausschließlich interessiert, was Gläubige faktisch darunter verstehen – in westlichen Gesellschaften große Schwierigkeiten geben, ganz gleich, wie weit man den Begriff der »Integration« auch immer fassen mag.

Ein weiterer Konfliktbereich ist das Verhältnis zu Nichtmuslimen. Auf völliges Unverständnis trifft die Wissenschaftlerin bei einem Vater, den sie fragt, ob er sich einen deutschen oder nichtmuslimischen Schwiegersohn vorstellen könne. Die Frage alleine wird als absurd und damit rein provokativ wahrgenommen. Oftmals wird sogar die Vorstellung, dass ein Angehöriger einen muslimischen Partner aus einem anderen Land wählt und in die Familie einbringt, als ungehörig angesehen.

Das Buch ist auch ein Sieg der Realität über die oft zu beobachtende Ideologielastigkeit postkolonialer Studien, eine Absage an kulturrelativistische Schwärmerei und schematische Rassismusmodelle. Den so hippen Vorstellungen vom »Fashion Islam« steht sie deutlich distanziert gegenüber. Für ihre Gesprächspartnerinnen und deren ­Lebenswirklichkeit spielen solche vermeintlich progressiven Diskurse aus akademischen Sphären schlichtweg keine Rolle. Hier glaubt man dagegen noch in einem ganz basalen Sinn an religiöse Wahrheiten und Vorschriften.

Susanne Schröter selbst setzt die Hoffnung auf die Etablierung des Faches Islamische Theologie an deutschen Universitäten und die kommenden Generationen in Deutschland nach wissenschaftlichen Standards ausgebildeter muslimischer Religionslehrer.

 

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