Kants Gottesbeweis

Der Mottengott

Dawkins Gotteswahn 2008Stoschs Entgegnung auf Richard Dawkins
Anhand eines evolutionsbiologischen Beispiels aus Richard Dawkins’ “Gotteswahn” lässt sich nach Meinung von skydaddy-blog zeigen, dass Kants “moralischer Gottesbeweis” falsch sein muss – selbst, wenn man seine Argumentation für zwingend hält.

Zusammenfassend strukturiert von Stosch sein (bzw. Kants) Argument wie folgt (S. 252):

Prämisse 1: Der Mensch steht unter dem Anspruch unbedingter moralischer Forderungen.

Prämisse 2: Der Mensch strebt nach Glückseligkeit.

Prämisse 3: Die Ansprüche der Moral und das Streben nach Glück führen die Vernunft mitunter in unlösbare Widersprüche.

Prämisse 4: Diese Widersprüche können von der Vernunft nur um den Preis der Selbstaufgabe akzeptiert werden.

Prämisse 5: Sie sind nur dann überwunden, wenn die natürliche Ordnung und die sittliche Ordnung den gleichen Ursprung haben.

Conclusio: Die Existenz eines gemeinsamen Ursprungs von natürlicher und sittlicher Ordnung (= die Existenz Gottes) muss um der Konsistenz der Vernunft willen ebenso postuliert werden wie die Unsterblichkeit der Seele.

Der Mottengott:

Unser Mottenphilosoph würde wohl feststellen, dass Motten den starken Drang haben, in Kerzenflammen zu fliegen, obwohl sie dabei ums Leben kommen. Nach der gleichen Logik wie Kant könnte er nun argumentieren:

Prämisse 1: Die Motte steht unter dem Anspruch einer unbedingten Forderung: nämlich immer im gleichen Winkel zu einer Lichtquelle zu fliegen („universelles Mottengesetz“).

Prämisse 2: Die Motte strebt nach Glückseligkeit. (Es kommt hierbei nicht darauf an, was eine Motte im Einzelnen glücklich macht. Sondern nur darauf, dass der Flammentod es sicher nicht ist.)

Prämisse 3: Die Ansprüche des universellen Mottengesetzes und das Streben nach Glück führen die Motten-Vernunft mitunter in unlösbare Widersprüche.

Prämisse 4: Diese Widersprüche können von der Motten-Vernunft nur um den Preis der Selbstaufgabe akzeptiert werden.

Prämisse 5: Sie sind nur dann überwunden, wenn die natürliche Ordnung und das universelle Mottengesetz den gleichen Ursprung haben.

Conclusio: Die Existenz eines gemeinsamen Ursprungs von natürlicher Ordnung und universellem Mottengesetz (= die Existenz eines Motten-Gottes) muss um der Konsistenz der Motten-Vernunft willen ebenso postuliert werden wie die Unsterblichkeit der Motten-Seele.

Richard Dawkins  Motten-Beispiels:

Motten fliegen in eine Kerzenflamme, und wenn man sie dabei beobachtet, sieht es nicht nach einem Unfall aus. Sie machen extra einen Umweg, um sich selbst als Brandopfer darzubringen. Wir könnten von »Selbstvernichtungsverhalten« sprechen und uns angesichts dieses provokativen Namens fragen, wie die natürliche Selektion so etwas begünstigen konnte. Mir geht es darum, dass wir zunächst die Frage anders formulieren müssen, bevor wir überhaupt anfangen können, nach einer intelligenten Antwort zu suchen. Selbstmord ist es nicht. Der scheinbare Selbstmord ist eine unerwünschte Nebenwirkung oder ein Nebenprodukt von etwas anderem. Aber wovon? Nun ja, ich möchte eine Möglichkeit nennen, die meine Aussage gut verdeutlicht.

Künstliches Licht ist auf der Bühne der Nacht eine relativ neue Erscheinung. Bis vor nicht allzu langer Zeit waren Mond und Sterne nachts die einzigen Lichter. Sie sind unter optischen Gesichtspunkten unendlich weit entfernt, das heißt, ihre Lichtstrahlen fallen parallel ein. Deshalb eignen sie sich zur Orientierung. Insekten nutzen bekanntermaßen Himmelskörper wie Sonne und Mond, um genau in gerader Linie ihre Richtung einzuhalten, und mit dem gleichen Kompass finden sie unter umgekehrten Vorzeichen auch nach der Nahrungssuche wieder nach Hause. Das Nervensystem der Insekten ist darauf ausgelegt, vorübergehend eine Faustregel nach folgendem Schema aufzustellen: »Steuere einen Kurs, bei dem die Lichtstrahlen deine Augen in einem Winkel von 30 Grad treffen.« Da die Insekten Komplexaugen besitzen, in denen gerade Röhren oder Lichtleiter vom Mittelpunkt des Auges ausgehen wie die Stacheln eines Igels, ergibt sich daraus in der Praxis ganz einfach, dass das Licht immer in einem bestimmten Einzelauge (Ommatidium) festgehalten wird. Aber der Lichtkompass beruht auf der entscheidenden Voraussetzung, dass der Himmelskörper sich in der optischen Unendlichkeit befindet. Ist das nicht der Fall, sind die Strahlen nicht parallel, sondern sie streben auseinander wie die Speichen eines Rades. Ein Nervensystem, das der Faustregel zufolge einen Winkel von 30 Grad (oder jeden anderen spitzen Winkel) zu einer in der Nähe befindlichen Kerze einhält, als wäre sie der unendlich weit entfernte Mond, steuert die Motte auf einer spiralförmigen Bahn in die Flamme. Man kann es sich aufzeichnen; setzt man dabei einen spitzen Winkel wie 30 Grad voraus, ergibt sich eine elegante logarithmische Spirale, die in die Flamme führt.

In diesem speziellen Fall hat die Faustregel für die Motte also tödliche Folgen, aber im Durchschnitt ist sie dennoch nützlich, denn der Anblick einer Kerze ist für Motten im Vergleich zum Anblick des Mondes selten. Die vielen hundert Motten, die sich in aller Stille und sehr effizient am Mond, einem hellen Stern oder auch dem entfernten Lichtkegel einer Großstadt orientieren, bemerken wir nicht. Wir sehen nur die Motte, die in unsere Kerze torkelt, und stellen die falsche Frage: Warum begehen alle diese Motten Selbstmord? Stattdessen sollten wir uns dafür interessieren, warum sie ein Nervensystem haben, das die Richtung angibt, indem es einen festen Winkel zu Lichtstrahlen einhält – eine Methode, die uns nur dann auffällt, wenn sie schiefgeht. Formuliert man die Frage anders, löst sich das Rätsel in Wohlgefallen auf. Es war nie berechtigt, von Selbstmord zu sprechen. Wir haben es mit einem danebengegangenen Nebeneffekt eines normalerweise nützlichen Kompasses zu tun.

 

Der Gotteswahn (2008)

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