Gert Scobel - 3sat

„Glaubenssache“

Gedanken von Gert Scobel

„Woran glaubst Du?“ lautet die Frage, die das Leitmotiv der 3sat-Themenwoche ist. Jede Antwort auf diese Frage ist bei genauerem Hinsehen nichts anderes als eine weiterführende Frage.

Die vollständige Kolumne von Gert Scobel …


Denn angenommen man antwortet: „Ich glaube an Gott … den Sinn des Universums … das Tao … die Buddhanatur aller Dinge … Allah … das eine Sein oder, wie eine Gruppe von Wissenschaftlern ironisch formulierte, an das fliegende Spaghettimonster“: Was ist damit gesagt? Was weiß man? All die „Objekte“ oder „Referenzen“ – das, worauf sich die Antwort bezieht – sind Begriffe und Namen: aber für was? In einer der wichtigsten Schriften des asiatischen Kulturraums, dem Daodejing, heißt es: „Was sagen Namen, wenn sie nicht die immerwährend-richtigen Namen sind? ‚Nichts‘ ist der Name für den Anfang von Himmel und Erde. ‚Sein‘ ist der Name für die Mutter aller Dinge.“ Allerdings kann man an die Dinge auch andere Begriffe kleben – eben weil Begriffe Begriffe sind, Zettel, mit deren Hilfe man Dinge merkt und auf sie verweist.

Eine genaue Analyse des „Sprachspiels“

Tatsächlich führt die Analyse der Antworten auf die einfache Frage „Woran glaubst Du?“ zunächst in die Richtung einer notwendigen und genauen Analyse des „Sprachspiels“ dieser Frage (und der Antworten). In meinem Buch, in dem ich zeige, wie Glaube und Vernunft miteinander in Einklang gebracht werden können, zeige ich, wie das Sprachspiel der Antwort konstruiert ist. Denn es leuchtet unmittelbar ein, dass die Antwort „Ich glaube daran, dass es morgen regnet“ eine gänzlich andere Bedeutung hat als „Ich glaube an Deine Liebe“ oder „Ich glaube an die Auferstehung der Toten“. Was bedeutet es also, ein „Objekt“ anzugeben, auf das sich der Glaube bezieht? Ich vergleiche vier Beispiele bzw. Antworten auf folgende Fragen:

„Gibt es Suppenwürfel?“
„Gibt es den Weihnachtsmann?“
„Gibt es Einhörner?“
„Gibt es einen Gott?“

Der Vergleich legt auf der Oberfläche der Grammatik eine völlige Gleichheit der „Objekte“ nahe. Tatsächlich aber weist die „Tiefengrammatik“ – so der Ausdruck Ludwig Wittgensteins für die Sprachlogik unterhalb der Oberfläche – auf einen völlig anderen Gebrauch trotz aller anscheinenden Ähnlichkeiten.

Um es kurz zu machen: Ein Begriff wie „Suppenwürfel“ unterscheidet sich in seiner Verwendung, d.h. auf der Ebene der Sprachpragmatik und damit auch der Bedeutung, in nahezu allem von einem Begriff wie „Gott“. Man kann Suppenwürfel vielleicht noch lieben: Aber nicht im Ernst sein Leben in „seine“ Hände legen. Der existenziell-zeitliche Kontext, den ein Begriff wie „Gott“ aufspannt, unterscheidet sich in sehr wesentlichen Aspekten von dem eines Wortes wie „Suppenwürfel“, aber auch von „Weihnachtsmann“ und „Einhörnern“ (die es sehr wohl „gibt“ – allerdings nur in fiktiven Texten).
Es kommt auf die Verwendung der Antwort an

Eine Antwort nutzt also wenig. Es kommt nach der Antwort darauf an, ihren „Sitz im Leben“, ihre Verwendung genau zu untersuchen. Erst dann hat man eine Chance, ihre Bedeutung zu verstehen. Insofern ist jede Antwort auf die Frage „Woran glaubst Du?“ zunächst nur der Ausgangspunkt einer weiteren Untersuchung, d.h. ein Startpunkt für weitere Fragen und Gespräche.

Das Wunder und das Mögliche

Abschließend noch ein Wort zum Begriff des Wunders, auf den sich der Film „Wunder – das Unerklärliche erklären“ bezieht, der um 20 Uhr 15 zu sehen ist. Am Ende dieses Filmes wird von einem Wissenschaftler die Frage gestellt, ob ein Wunder nicht einfach ein Ereignis sei, das extrem selten ist. Dabei wird nahegelegt, dass es sich bei einem Wunder genau um ein solches Ereignis handelt. Was aber bedeutet das? Die meisten Wissenschaftler müssen Vorgänge in der Welt mit Hilfe von Wahrscheinlichkeitstheoremen beschreiben. Sie können nicht sagen, „wenn Du A machst, dann bekommst Du mit absoluter Sicherheit Krebs“. Deshalb definieren sie aufgrund vieler Untersuchungen Wahrscheinlichkeiten. Wer raucht, hat eine größere Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, als jemand der nicht raucht – auch wenn das nicht immer so ist. In jeder Wahrscheinlichkeitsbetrachtung nach gehört auch das seltenste Ereigniss zum Spektrum dessen, was wahrscheinlich ist. Fukushima gehört zu den möglichen Ereignissen. Deshalb kann alles, was in den Gesamtbereich des Möglichen fäll,t jedoch kein Wunder sein. Vielmehr ist es etwas erwartbar (wahrscheinlich) Seltenes.

Theologisch sind Wunder klar definiert

Theologisch ist das, was ein Wunder ist, klar definiert. Erstens muss ein Wunder ein factum sensibile sein: also etwas sinnlich Wahrnehmbares. Zweitens muss das Geschehen des Wunders „extra cursum naturae“ stattfinden, also außerhalb der weltlichen Ordnung liegen. Aber weder ein noch so irreguläres- und erst recht kein reguläres Weltereignis – stehen außerhalb einer solchen Ordnung (weshalb, der theologischen Definition zufolge etwas extrem Seltenes zwar selten, aber eben kein Wunder ist).

Was also macht ein Wunder aus? Dass die beiden vorausgehenden Merkmale empirisch feststellbar sind und drittens das, was geschehen nur als „a Deo patratum“ betrachtet werden kann, also als etwas, das von Gott selbst vollzogen und ausgeführt wurde. Ein solcher Satz macht aber nur innerhalb des Glaubens überhaupt Sinn. Einige Theologen haben darauf hingewiesen, dass daher jedes Wunder immer als Ausdruck dieses einen, zentralen Geschehens zu verstehen ist: Dass Gott sich (im Glauben und allein im Glauben) selbst mitteilt und der Welt zuwendet. Dies findet nach christlichem Glaubensverständnis allerdings zu jedem Zeitpunkt im Leben eines Gläubigen, also immer statt – und deshalb auch in Wundern.

Das eigentliche Wunder ist, dass Gott sich der Welt zuwendet und sich ihr (im Glauben) mitteilt. Das aber heißt, dass sich diese „Wahrheit im Glauben“ nicht wissenschaftlich zeigen lässt. Kein Wissenschaftler könnte sie je durch welchen Beleg auch immer „beweisen“. Worauf die theologische Definition abzielt ist also, dass man dem, was sich zeigt oder gezeigt hat – das Wunder – nicht anders, als im Glauben gerecht werden kann. Eben das erfordert einen (lebenslangen) Prozess der Prüfung. Aber die Kirchen haben bekanntlich einen langen Atem, der weit über den Tod hinausreicht.

Ein Gedanke zu „„Glaubenssache““

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